Christlicher Verein Junger Menschen (CVJM) Rüggeberg e.V.

Ein Gespräch mit Hans-Jürgen Abromeit

Hans-Jürgen Abromeit im Greifswalder Dom, seiner Predigtkirche als Bischof

Hans-Jürgen Abromeit war vor über 50 Jahren aktiver Mitarbeiter im CVJM Rüggeberg. Zu jener Zeit als Schüler wohnte er in Rüggeberg, ging aber in Gevelsberg zum Gymnasium. Über seine Schulkontakte motivierte er Mitschüler, doch auch einmal im Rüggeberger CVJM vorbeizuschauen, vor allem dann, wenn dort interessante Themen diskutiert wurden. n den frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es viele heiße Themen, über die man engagiert und kontrovers diskutierte – zum Beispiel über das Werk des dänischen Philosophen und Theologen Soren Kierkegaard oder über Rudolf Bultmann, den Verfechter der liberalen Theologie, und vor allem auch über Dietrich Bonhoeffer und über Israel.

Über christliche und theologische Fragen zu reden, war ein angesagtes, motivierendes Thema, weit weg von dem, was viele als „Amtskirche“ eher verstaubt und kritisch sahen. Natürlich war in jenen Tagen Musik auch ein großes Gesprächsthema, über das man lange und mit Leidenschaft diskutierte, zum Beispiel das jeweils neue Album von Emerson, Lake & Palmer und andere Bands aus der progressiven Musik-Szene. Hans-Jürgen vermittelte das Gefühl, dass er immer etwas weiter, tiefer und engagierter in den Themen drinsteckte: Jemand, von dem man auch als junger Mensch schon viel lernen konnte.

Hans-Jürgen, wenn du heute an diese frühen Jahre zurückdenkst: War das für dich damals schon vor dem Abitur klar, dass du Theologie studieren würdest?   

Hans-Jürgen: Mit 15 Jahren habe ich mich für ein Theologiestudium entschieden. Vorausgegangen waren intensive Diskussionen mit älteren Mitarbeitern des CVJM, vor allem Hans Joachim Wenzel („Hajo“) und Karl-August Krenzer („Kalli“). In diesen Gesprächen ging es darum, ob das Christsein irgendeine Einstellung unter anderen ist, oder ob es das ganze Leben bestimmt. Mir wurde klar, dass Christsein Nachfolge Jesu Christi heute bedeutet und dass ich versuchen müsste, zu verstehen, was Jesus von mir wollte. Da die Kirche damals, im Zuge der 68er Studentenrevolution, einen schweren Stand hatte, erschien es mir, als sollte ich versuchen, auf zeitgemäße Weise Jesus nachzufolgen und zum Glauben einzuladen und helfen, die Kirche für die Gegenwart fit zu machen. Im Grunde ist das die Spur meines Lebens geblieben.

Was waren die Schwerpunkte in deinem Studium in Wuppertal und Heidelberg?

Hans-Jürgen: In Wuppertal habe ich von 1973 bis 1975 studiert. Das war das Grundstudium. Hier galt es Hebräisch und Griechisch zu lernen und sowie die wissenschaftlichen Methoden der Bibelauslegung und des Theologiestudiums insgesamt kennenzulernen. Faszinierend war eine Studienfahrt in die Türkei auf den Spuren des Apostels Paulus, der frühen und der byzantinischen Kirche und des Islam. Bei meinem Studium von 1975 bis 1979 in Heidelberg habe ich inhaltliche Schwerpunkte setzen können. Sehr intensiv habe ich das Alte Testament studiert, besonders Geschichte Israels, die Propheten und die Archäologie des Heiligen Landes. Das habe ich gemacht, weil mir bis dahin die Lektüre des AT die meisten Verständnisschwierigkeiten bereitete. Sodann habe ich einen Schwerpunkt auf die sogenannte Systematische Theologie gelegt, weil diese uns helfen kann, unsere heutigen Fragen zu beantworten und das Leben aus Glauben zu gestalten. Sehr beeindruckt haben mich Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer.  

Nach deinem Studium warst du ein Jahr in Israel. Wie hat dich diese Zeit geprägt?

Hans-Jürgen: Ich habe mein Vikariat von 1980 bis 1981 in Jerusalem absolviert. Das war vielleicht das Jahr meines Lebens, das mich am stärksten geprägt hat. Ich kann hier nur die Bereiche aufzählen, in denen ich unglaublich wichtige Erfahrungen gemacht habe: Jerusalem als Stadt dreier Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islam. Das Judentum als vielfältige Religion, mit der wir als Christen vieles gemeinsam haben und von der uns ebenso vieles trennt. Die Erkenntnisse der Biblischen Archäologie als unglaublich hilfreich für die Auslegung der Bibel. Die einheimischen Christen, die – zumeist Palästinenser – einen schweren Stand haben und aus dem Land heraus gedrängt werden, von denen wir vieles lernen können. Den Staat Israel als zionistisches Projekt, der so, wie er sich entwickelt hat, keinen Platz lässt für das andere im Land lebende Volk, das der Palästinenser. Ich bin seitdem vielleicht dreißigmal, mal länger oder kürzer. im Land gewesen. Es lässt mich, vor allem seine Menschen lassen mich nicht los.

Deine Zeit als Pfarrer in Gevelsberg, im heute abgerissenen Gemeindezentrum Heide: War das ein Sprung ins kalte Wasser?

Hans-Jürgen: Nein, eigentlich nicht. Ich fühlte mich durch meine Ausbildung gut vorbereitet. Ich hatte auch Glück. Der Gemeindebezirk war drei Jahre vakant gewesen. Man hat mich sehr freundlich aufgenommen, fast sehnsüchtig erwartet. Wir hatten mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine sehr gute Gemeinschaft. Ich denke sehr gern an die leider zu kurze Zeit zurück.

Dein Weg führte dich zurück in den akademischen Bereich, an die Uni Münster, ans Pastoralkolleg der ev. Kirche von Westfalen und schließlich an das Institut für Aus- und Weiterbildung Haus Villigst in Schwerte. Was hast du deinen Studenten zu vermitteln versucht?

Hans-Jürgen: Lust auf Glauben und Kirche zu machen. Dazu war es hilfreich, alle möglichen Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften aufzunehmen, um Professionalität zu gewinnen. Aber entscheidend ist, selber ein fröhlicher Christ zu sein und in der Ausübung des Berufes als Lehrer oder Pfarrer, vermitteln zu können, wie und wodurch der Glaube eine Hilfe zum Leben ist.

Von 2001 bis 2019 warst du zunächst Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche, nach der Kirchenfusion zur Nordkirche dann die längste Zeit Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland in Greifswald. Du hast also Kirche von ganz oben, aus der Leitungsverantwortung, erlebt. Was hat dir die größten Sorgen gemacht, was die größten Freuden?

Hans-Jürgen: Die größten Sorgen machten mir die Ermüdungserscheinungen der Mitarbeitenden, der Ehrenamtlichen genauso wie der in den kirchlichen Berufen, auch der Pastorinnen und Pastoren. Die Aufgaben waren und sind groß, zu groß. Oft wissen die Pastoren nicht, was sie alles tun und was sie auch lassen sollen. Da braucht man einen Kompass, der einem die Richtung zeigt. Deswegen habe ich immer gern die Bibel ausgelegt und gepredigt. Nicht umsonst geschieht Kirchenleitung nach evangelischem Verständnis durch Schriftauslegung. Super waren auch immer wieder Erfahrungen einer aus dem Glauben kommenden Lebendigkeit. Die habe ich oft erlebt bei den 71 Ordinationen, die ich durchführen durfte. Sehr eindrücklich waren mir manche ökumenischen Besuchsreisen. Weltweit gesehen wächst die Kirche ja. Das habe ich mitbekommen bei mehreren Reisen nach Tansania und China. Aber solche aus dem Glauben kommende Lebendigkeit habe ich auch in Pommern erfahren.  

Hat die evangelische Landeskirche, wie wir sie heute kennen, Zukunft?

Hans-Jürgen: Die eine Kirche Jesu Christi hat Zukunft – ohne Frage. Die Kirchen in Deutschland werden massiv kleiner werden. Vieles, was wir gewohnt sind, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Ich sehe mit einer gewissen Trauer, dass manche Kirchenleitung falsche Prioritäten setzt. Wir brauchen eine große Transformation der Kirche. Aber die Zukunft der Kirche wird bei lebendigen Gemeinden liegen. Es geht nicht um ein Überleben der Landeskirchenämter und der Kreiskirchenämter. Unsere Verwaltung muss radikal kleiner werden. Deswegen sehe ich auch die Diskussion, ob die Kirchengemeinde den Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts aufgeben soll, sehr kritisch. Wir müssen alles tun, um lebendige Gemeinden zu stärken.

Du hast eine Vielzahl weiterer Aufgaben wahrgenommen, die bekannteste war der Vorsitz des Jerusalemvereins bis 2021. Du warst auch Kuratoriumsmitglied bei ProChrist, Juror beim Karl-Barth Preis, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bibelgesellschaft und vieles mehr. Woher hast du Kraft, die Motivation für all diese Aufgaben genommen?

Hans-Jürgen: Kraft schöpfe ich aus meinem Glauben und aus meiner Familie. In den letzten 36 Jahren ist mir meine Frau Iris eine unersetzliche Gesprächs- und Lebenspartnerin. In Höhen und Tiefen stand sie mir zur Seite. Das tut unglaublich gut.

Wenn du zurückblickst: Was ist das Schönste daran, Christ zu sein?

Hans-Jürgen: Ich lebe mit dem Gefühl, dass mein Leben einen Sinn hat. Ich weiß, wofür ich da bin. Das schenkt eine gewisse Lockerheit im Leben. Ich muss nichts erzwingen. Zugleich macht es das Leben auch sehr spannend. Und vor allem, was auch geschieht, ich kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand.

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