Louisa Cramer
Dass junge Erwachsene aus beruflichen oder familiären Gründen Rüggeberg den Rücken zukehren, passiert regelmäßig. Der umgekehrte Weg von der Arbeit zurück nach Ennepetal, und sei es auch nur für eine kurze Zeit, ist seltener. Umso größer war die Freude, Louisa Cramer wieder im Team der Mitarbeitenden des Bauspielplatzes 2026 begrüßen zu dürfen, nach einer ziemlich langen Anreise aus Neu-Delhi in Indien. Dort arbeitet die Rüggebergerin seit 2024 in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zum Thema erneuerbare Energien.
Louisa zählte seit ihrem Umzug nach Rüggeberg 2002 mehrere CVJM Gruppen im Dorf zu ihrer festen Wochenroutine. Abhängig von ihrem jeweiligen Alter besuchte sie den Kindertreff, den Teenkreis, den Jugendkreis und schließlich die „Son Days“, die sie auch schmunzelnd den „Altenkreis“ nennt. Mit dem Rüggeberger Team des Mädchensports nahm sie jährlich an den CVJM Westbundmeisterschaften teil, ihre Stärken im Bibelquiz waren besonders gefragt. Auch bei der Christmas Rock Night und dem Bauspielplatz half sie regelmäßig und gerne mit. Nun hat sie der Wunsch nach einer sinnstiftenden Arbeit vom dörflichen Rüggeberg in die indische Millionenmetropole gezogen.
Louisa, was machst du heute in Indien?
Louisa: Ich arbeite bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Diese setzt im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bilaterale Projekte zu vielen Themenfeldern um. Ich arbeite in der Politikberatung zu den Themen erneuerbare Energien, ländliche Entwicklung und Klimaschutz. Im Berufsalltag heißt das als einzige Deutsche im indischen Expertenteam oft Schreibtischarbeit in der Berichterstattung an das deutsche Ministerium. – Außerdem genieße ich das indische Essen, den Humor meiner Kolleginnen und Kollegen und tanze gerne zu Bollywood-Musik.
Du verbindest deinen Sommerurlaub hier mit dem Besuch deiner Eltern. Trotzdem ist es toll, dass du dir so viel Zeit nimmst, beim BSP wieder mitzuarbeiten. Warum?
Louisa: Erst durch den Bauspielplatz fühlt es sich wie Sommerurlaub in der Heimat an. Wenn ich am Strand liegen wollte, könnte ich das im indischen Goa wahrscheinlich besser. Aber so richtig vom Arbeitsleben abschalten, kann ich erst auf dem Bauspielplatz. Da gibt es 10 Tage lang keine Termine außerhalb des Dorfes, ich bin viel an der frischen Luft und lebe Gemeinschaft mit Leuten, die ich seit Jahrzenten kenne. Außerdem habe ich als Kind den Bauspielplatz geliebt. Ich bin furchtbar gerne daran beteiligt, dass auch noch viele weitere Kinder diese Erfahrung machen können.
Ist der BSP auch dieses Jahr so gewesen, wie du ihn in Erinnerung hast?
Louisa: Paradoxerweise ist der Bauspielplatz jedes Jahr gleich – und doch jedes Jahr besonders. Jedes Jahr wird den Kindern zugetraut, mit echtem Werkzeug wahre Meisterwerke oder Bruchbuden zu bauen. Jedes Jahr dürfen sie Quatsch machen, toben, kreativ werden oder Ruhe finden. Jedes Jahr gibt es ein liebevoll gestaltetes Theaterstück in der Kirche und fantastisches Mittagessen. Jedes Jahr strahlen Kinder und Mitarbeitende um die Wette. Dieses Jahr lief es – auch dank der immer weiter optimierten, harten Arbeit des Planungsteams – so reibungslos, dass es fast langweilig war.
Was haben dich deine Freunde und Bekannte, die du auf dem BSP wiedergetroffen hast, am meisten gefragt?
Louisa: Meine Arbeit ist immer etwas kompliziert zu erklären; da ebbt das Interesse zum Glück schnell ab. Der Alltag in Indien ist interessanter. Wie wohnst du dort? Lernst du die lokale Sprache? Isst du mittlerweile scharfes Essen? Dazu kommen persönlichere Fragen wie: Bist du glücklich dort? Wann kommst du endlich zurück ins Dorf? Bringst du dann einen indischen Ehemann mit?
Indien ist für Westeuropäer ein Land, das sich doch sehr stark von unserer Kultur, unserer Religion, unserem Wohlstand und unserem Alltag unterscheidet. Was war und ist für dich der auffallendste Unterschied?
Louisa: Ich denke, am meisten hat sich mein Blick auf das Thema Familie und Gemeinschaft geändert. Ich empfinde die Menschen als deutlich weniger einsam, auch wenn die damit einhergehenden sozialen Verpflichtungen einem auch etwas zu viel sein können. Freude habe ich oft auch an dem Fehlen von Scham oder Lampenfieber: Du brauchst Freiwillige für eine vermeintlich peinliche Aufgabe im Teamworkshop? 10 Leute melden sich, ohne zu zögern. Ein Familienmitglied fragt, ob du auf der Babyparty spontan etwas vortanzen oder vorsingen kannst? Na klar! Von dieser Lockerheit könnten sich die Deutschen manchmal eine Scheibe abschneiden.
Fremd zu sein in einem Land, auf einmal selber in der Minderheit zu sein, wie gehst du damit um?
Louisa: Das ist tatsächlich oft schwierig. Mit meinen blonden Haaren falle ich natürlich sofort auf. Oft werde ich als Ausländerin bevorzugt behandelt, beispielsweise im Restaurant oder in der Arbeit mit politischen Partnern. Das ist mir meist unangenehm und ich versuche mich deshalb besser in die Gesellschaft einzugliedern. Ich trage gerne indische Kleidung, lerne Hindi und setzte mich ausführlich mit der Kultur auseinander. Manchmal ist einem die Aufmerksamkeit dann aber doch etwas zu viel. Dann ziehe ich mich an Orte zurück, wo sich viele andere Ausländer aufhalten, beispielsweise in die schicken Cafés nahe des Botschaftsviertels. Dass das aber nicht das wahre Indien ist, ist mir dabei immer bewusst.
Wie sind deine Pläne für die nähere Zukunft, kommst du wieder nach Deutschland – und vielleicht auch wieder auf unseren Bauspielplatz?
Louisa: Während meine berufliche Zukunft noch flexibel ist, ist der Bauspielplatz 2027 eine sichere Sache für mich!



